Projektiv.

Der Blog von kartenprojektionen.de

Mo, 26.11.2018 Die Equal Earth Projektion

Die Equal-Earth-Projektion, entwickelt von Bojan Šavrič, Tom Patterson und Bernhard Jenny wurde im August 2018 mit folgenden einleitenden Worten vorgestellt: [1]

The Equal Earth map projection is a new equal-area pseudocylindrical projection for world maps. It is inspired by the widely used Robinson projection, but unlike the Robinson projection, retains the relative size of areas. The projection equations are simple to implement and fast to evaluate. Continental outlines are shown in a visually pleasing and balanced way.

 

Die Equal-Earth-Projektion ist ein neuer flächentreuer pseudozylindrischer Kartennetzentwurf für Weltkarten. Er ist inspiriert von der weit verbreiteten Robinson-Projektion, behält aber im Gegensatz zur Robinson-Projektion die Größenverhältnisse der Flächen bei. Die Projektionsgleichungen sind einfach zu implementieren und schnell auszuwerten. Die Umrisse der Kontinente werden visuell ansprechend und ausgewogen dargestellt.

 

Wie bitte?
Noch eine flächentreue pseudozylindrische Projektion?
Auf meiner Website liste ich schon fast 50 Entwürfe dieses Typs auf (und glaubt mir, das sind noch nicht alle), darunter anpassbare Projektionen wir Hufnagel und Sinucyli; mit dem konfigurierbaren Wagner VII/VIII lassen sich immerhin »pseudo-pseudozylindrische« Karten erstellen, und der Wagner IV wäre konfigurierbar, wenn sich nur einmal irgendjemand daran machen würde, die von Wagner vorgesehenen Einstellungsmöglichkeiten auch programmiertechnisch umzusetzen.

Also, was soll das? Warum setzt sich jemand hin und macht sich überhaupt die Mühe, noch so ein Ding aus der Taufe zu heben?
Tatsächlich gibt es gute Gründe dafür. Sehen wir uns das mal an.

Die Motivation für eine neue flächentreue Karte

2017 kursierten im Web diverse Berichte darüber, dass in den öffentlichen Schulen von Boston die Weltkarten in der Mercator-Projektion ersetzt würden durch Karten, die in der Gall-Peters-Projektion (auch einfach nur »Peters-Projektion« genannt) gehalten sind. [2]
Dabei konzentrierten sich die meisten Artikel auf die üblichen – zum Teil völlig falschen – Behauptungen. Zwar ist es absolut richtig, dass der Mercator die Größenverhältnisse der Kontinente deutlich verzerrt, der Grund dafür hatte aber nichts mit Kolonialismus zu tun, sondern mit Navigation auf See. Darüber hinaus ist der Gall-Peters-Projektion bei weitem nicht die einzige flächentreue Karte, und es ist auch einfach nicht wahr, dass auch heutzutage die Mercator-Projektion die einzige ist, die man zu sehen bekommt. (Geh in eine Buchhandlung und greif Dir einen beliebigen Atlas!)

Aber obwohl all die anderen flächentreuen Entwürfe, die ich oben erwähnt habe, seit Jahrzehnten oder gar mehr als einem Jahrhundert verfügbar sind; obwohl sie jedem ernstzunehmenden Kartographen bekannt sind und obwohl sie auch in diversen Atlanten zum Einsatz kamen – bleiben sie der allgemeinen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Aber es gibt einen anderen Kartennetzentwurf, der einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen konnte und höchstwahrscheinlich den meisten Leuten bekannt vorkommt: Die Robinson-Projektion, 1963 entworfen von Arthur H. Robinson. Sie gehört zur Gruppe der vermittelnden Projektionen, d.h. sie bewahrt weder die Größenverhältnisse, noch die Formen der Kontinente, sondern bemüht sich, einen Kompromiss auszubalancieren, der vor allem »korrekt aussieht«.

Die Robinson-Projektion ist nicht nur weit verbreitet, sondern zeigt auch verschiedene Eigenschaften, die von Karten-Nutzern bevorzugt werden – darauf weist eine Studie hin, die vor ein paar Jahren durchgeführt wurde. [3] Also entschieden Šavrič, Patterson & Jenny, einige Eigenschaften des Robinson in der neuen flächentreuen Projektion zu übernehmen, nämlich »eine pseudozylindrische Projektion mit Pol-Linien und gleichabständigen Meridianen, die sich nach außen hin nicht zu stark wölben, und einem Seitenverhältnis nahe 1:2« zu kreieren.

Das Resultat liegt zwischen den Projektionen Eckert IV und Wagner IV: Es hat spitze Ecken wie der Wagner IV, die Krümmung der äußeren Meridiane entspricht aber eher dem Eckert IV.

Um in Nord-Süd-Richtung langgezogene Kontinente zu vermeiden, fügten sie eine leichte horizontale Streckung (unter Beibehaltung der Flächentreue) hinzu, so dass die Equal-Earth-Projektion etwas breiter ausfällt als der Robinson-Entwurf. Nichtsdestoweniger wurde das Ziel, eine flächentreue Projektion zu schaffen, welche dem »Look & Feel« des Robinson nahekommt, sehr gut erreicht:
Equal-Earth-Projektion vs. Robinson-Projektion

Also, brauchen wir das?

Kommen wir also auf die eingangs gestellte Frage zurück: Brauchen wir einen weiteren flächentreuen pseudozylindrischen Kartennetzentwurf?
Eigentlich nicht. Aber: Bei der Equal-Earth-Projektion handelt es sich um einen gut ausgewogenen Entwurf, der aufgrund seiner Ähnlichkeit zur Robinson-Projektion für viele Leute wahrscheinlich »richtig aussieht«. Darüber hinaus hat sie schon jetzt einiges an Aufmerksamkeit bekommen – zumindest in der englischsprachigen Welt [4] – und ich glaube, exakt darum geht es: Aufmerksamkeit erzeugen.

Aufmerksamkeit ist genau das, was benötigt wird.
Wie ich schon gesagt habe, gibt es Dutzende von großartigen flächentreuen Projektion, aber sie sind der Allgemeinheit weitgehend unbekannt geblieben. Ein »Neustart« mit einer neu geschaffenen Projektion, die einen eingängigen Namen trägt, ist vielleicht genau das richtige, wenn man möchte, dass die Allgemeinheit sieht, dass es hervorragende, praxistaugliche flächentreue Weltkarten gibt.

Derzeit ist es recht schwer, ein Poster mit einer flächentreuen Weltkarte zu finden, bei der es sich nicht um die Peters-Projektion handelt. Es gibt vereinzelt entsprechende Produkte, aber man muss schon sehr spezifische Suchbegriffe eingeben, um sie zu finden. Die Equal-Earth-Projektion könnte dies ändern – ich jedenfalls drücke die Daumen, dass das gelingt.

P.S.: Ich kann es nicht verschweigen – und vor allem sehe ich auch gar keinen Grund, warum ich sollte:
Ich persönlich bevorzuge weiterhin andere flächentreue Projektionen wie den Wagner IV, vor allen aber Projektionen aus der lentikulären Gruppe wie Wagner VII oder Strebe 1995.

P.P.S.: Es ist ein wenig ärgerlich, dass einige der Artikel die Sache nicht richtig verstehen und mit falschen Behauptungen aufwarten wie: »Eine genaue Weltkarte ist etwas, was den Kartographen seit Jahrhunderten nicht gelungen ist, aber dieser neue Entwurf lässt verzerrte Weltkarten endlich der Vergangenheit angehören« oder »diese neue Karte kommt vermutlich dem wahren Aussehen der Welt am nächsten«, oder gar »sie [die Urheber der Equal-Earth] sagen, es handele sich um die bisher genaueste [Weltkarte]«. Vor allem, da Šavrič, Patterson & Jenny gar nichts schreiben, was diese Missverständnisse verursachen könnte. Tatsächlich legen sie sogar Tabellen mit Verzerrungswerten vor, welche zeigen, dass die Equal-Earth-Projektion zwar mit guten Werten punkten kann, aber einige ältere Projektionen niedrigere (= bessere) Strecken- und Formverzerrungen aufweisen.
Außerdem wird eindeutig darauf hingewiesen, dass ästhetische Erwägungen zum endgültigen Resultat geführt haben.

Quellenangaben

  1. Šavrič, Bojan & Patterson, Tom & Jenny, Bernhard. (2018):
    The Equal Earth map projection. International Journal of Geographical Information Science. 1-12. 10.1080/13658816.2018.1504949. verfügbar auf researchgate.net (Englisch)
  2. Eine kurze, zufällig ausgewählte Liste der Berichte über die Karten der öffentlichen Schulen von Boston:
    auf spiegel.de
    auf stuttgarter-nachrichten.de
    auf globalcitizen.org (ein Artikel, der voller grauenhafter Missverständnisse steckt)
  3. Šavrič, Bojan & Jenny, Bernhard & White, Denis & Strebe, Daniel. (2015):
    User preferences for world map projections. Cartography and Geographic Information Science. 42. 398–409. 10.1080/15230406.2015.1014425. verfügbar auf researchgate.net (Englisch)
  4. Eine Liste mit englischen Artikeln über die Equal-Earth-Projektion (deutsche Artikel stehen derzeit leider noch nicht zur Verfügung):
    auf www.popularmechanics.com
    auf www.johndcook.com
    auf www.maproomblog.com
    auf phys.org
    auf allthatsinteresting.com
    auf www.iflscience.com

Kommentare

Sei der erste, der einen Kommentar hinterlässt!

Verbleibende Zeichen: 1889
  
X Icon

Die folgenden vier Felder auf keinen Fall ausfüllen!

Nach oben